Stadtgarde zu Pferd Tübingen
Stadtgarde zu Pferd Tübingen

Geschichte

Wissenswertes über die Stadtgarde zu Pferd Tübingen

von Hans-Jörg Rohrer

Bürgergarde zu Pferd 1830

 

Vorgeschichte

 

Mit dem Übergang der Stadt an die Grafen von Württemberg 1343 bekam die Stadt die Pflicht und das Recht, zur Burgwache vier Mann zu stellen. Bei der Übernahme der Regentschaft durch den 16-jährigen, noch unmündigen Grafen Ulrich am 15. September 1499 musste die Stadt ein Kontingent von 245 Spießen, 175 Büchsen, 35 Hellebarden und 22 Wagen gegen die Schweizer stellen, um dessen Regierungsanspruch durchzusetzen. Spätestens mit Abschluss des Tübinger Vertrages vom 8. Juli 1514 waren alle waffenfähigen Bürger von 18 bis 60 Jahren landwehrpflichtig und die Stadt hatte bei Konflikten 500 Bewaffnete zu stellen. Diese bestanden aus 450 Mann zu Fuß und 50 Reitern. Besonders bemerkenswert ist, dass die Stadt in dieser Zeit nur von ca. 3000 bis 3500 Menschen in etwa 500 Haushalten bewohnt wurde. Das heißt, jeder Haushalt musste einen wehrfähigen Mann stellen. Der Prunk- und Verschwendungssucht von Herzog Ulrich und dessen Steuerrecht ist die große Unzufriedenheit, vor allem der Bauern, zuzuschreiben. Da der überwiegende Teil der Tübinger Bevölkerung ebenfalls Bauern waren kam es am 11. Juni 1514 auch in Tübingen zu einem offenen Aufstand, der nur durch die Beschwichtigungen des Vogtes Breuning zur Ruhe gebracht werden konnte. Daher ist nicht davon auszugehen, dass die Tübinger unbedingt auf Seiten des Herzogs gestanden haben und sich freiwillig an der Niederwerfung des Bauernaufstandes beteiligten. Es war wohl eher die gesetzliche Verpflichtung, die sich aus dem Tübinger Vertrag ergab und auf die sich der Herzog bei der Aufstellung des Heeres auch ausdrücklich berief. Hier beginnt die eigentliche Geschichte.

 

Ehrenrecht

 

Von Graf Eberhard im Bart hatten die Tübinger das Ehrenrecht, die Vor- und Nachhut der gräflichen/herzoglichen Truppen zu bilden. Als sie jedoch den Kappelberg im Remstal erreichten, fanden sie keine Gegner mehr vor. Nachdem die Aufständischen das große Aufgebot sahen, zogen sie sich in wilder Flucht zurück, der "Armer Konrad" genannte Bauernbund zerfiel. Damit hatte das Tübinger Aufgebot die entscheidende Wendung im Bauernkonflikt zu Gunsten des Herzogs gebracht. Schon nach 18 Tagen durften die Tübinger nach Hause zurückkehren, einen Tag früher als die Stuttgarter, um die Rang-Eifersucht auf den Ehrenplatz zu unterdrücken. Aus Dankbarkeit verlieh Herzog Ulrich der Stadt Tübingen mit einer Urkunde vom 18. August 1514 das "Oberwappen", die Hirschstangen und Landsknechtsarme, zur bisherigen dreilatzigen Pfalzgrafenfahne sowie ein Fähnlein, die erste Standarte an die "Stadtreiter". Dadurch, dass der Tübinger Vertrag durch diesen Einsatz nicht gebrochen wurde, blieb er unverändert bis 1805 die gesetzliche Grundlage des Staates für Fürsten und Bürger in Württemberg. Er garantierte unter anderem die Freizügigkeit und das Gerichtswesen für die Bürger, die Grund und Menschenrechte und wurde als "Magna Charta Württembergs" die erste demokratischen Verfassung auf dem europäischen Festland. Er wurde erst im Vorfeld der Eroberung Europas durch Napoleon von Kurfürst Friederich von Württemberg, der später zum König ernannt wurde, am 30. Dezember 1805 außer Kraft gesetzt.

 

Die Tübinger Bürgerwehr vom 16. bis 19. Jahrhundert

 

Unter der österreichischen Herrschaft 1523 hat Erzherzog Ferdinand gegen Zahlung von 50 Gulden auf eine Teilnahme der Tübinger Bürgerschaft an der Schlosswache verzichtet. Im Schmalkaldischen Krieg in Folge der Reformation unter dem zurückgekehrten Herzog Ulrich musste die Stadt 434 Mann und zwei Kanonen zur Verteidigung der Albaufstiege stellen. Ein Studentenaufstand am 1. März 1583 erforderte die Bewaffnung und den Einsatz der Bürgerwehr. Aus dem dreißigjährigen Krieg ist von 1622 bekannt, dass das Schloss nur mit 25 Mann besetzt wurde, da die Stadt die ansonsten benötigte Mannschaft stellen musste, glücklicher Weise jedoch von einem Einsatz verschont blieb und am 1. Juli 1631 wieder entlassen wurde. Drei Jahre später wird von 70 Tübinger Bürger berichtet, die unter ihrem Kommandanten Hans Jörg von Tübingen, dem Letzten des pfalzgräflichen Geschlechts zur Verteidigung des Schlosses verpflichtet wurden. Indem sie ihm am 14. September 1634 die Gefolgschaft verweigerten und ihre Waffen niederlegten verhinderten sie, dass die Truppen des Herzogs von Lothringen die Stadt plünderten und brandschatzten. Am 25. Januar 1649 sollte Abt Joachim Müller von Bebenhausen die Stadt verlassen, nachdem zu seinen Gunsten er alles zu Geld gemacht, sogar die eisernen Gitterstäbe des Pfleghofs verkauft, sämtliche Teiche hatte abfischen lassen und die letzten Wein- und Kornvorräte zu seinem Vorteil verkauft hatte. Mit vierzehn Musketieren der Bürgerwache wurde er schließlich verjagt. Die Jesuiten, die in der Probstei (ehemals zwischen der Hafen und Metzgergasse) vierzehn Jahre gehaust hatten wurden zum Verlassen derselbigen aufgefordert und zogen nach Rottenburg ab. 1674 berichten die Chroniken von einem Stadtwachtmeister Böbel, der das Kommando über die Bürgerwache hatte, welche die Besatzung der Stadttore stellte und bis 1680 auch vier Mann Schlossbesatzung. Aus den Franzosenkriegen (Ludwig XIV) von 1688 bis 1697 gibt es Berichte über Verteidigungsmaßnahmen der Stadt. Danach war die gesamte Bürgerschaft unter Waffen, die Stadttore zugemauert oder ständig verschlossen, auf der Stadtmauer Blockhütten errichtet und dauernd besetzt. Beim Abzug der Franzosen blieben einige "Marodeure" zurück, die das Kloster Bebenhausen plünderten. Diese wurden von der Tübinger Besatzung und etlichen Bürgern überfallen, "drei derselben in den Sälen und auf dem Kranze des Kirchturms selbst niedergehauen" und der Rest vertrieben. In Folge des spanischen Erbfolgekrieges 1701 begann das Exerzieren der Bürgerschaft aufs Neue, jedoch ohne zum Einsatz zu kommen. 1707 rückten wiederholt bewaffnete Streifen aus um "Marodeure und Zigeuner", welche das Umland in Unsicherheit versetzten, zu verjagen. In einem Bericht von 1782 wird neben einem Stadthauptmann auch ein Stadtrittmeister und eine bewaffnete Reiterschar aus Tübinger Bürgern erwähnt. 1805 hat eine berittene und uniformierte Bürgerwehr vor dem neuen König Friedrich von Württemberg paradiert, bevor dieser ins von ihm beanspruchte und bis dahin österreichische Rottenburg weiter zog.

 

Stadtgardist

Das Stadtreiterkorps

 

Ab 1822 kam zu den historischen Verpflichtungen, Feuerwache ,Postreiter und Schutztruppe zu stellen auch noch repräsentative Aufgaben hinzu, die am 3. September 1823 zur Einrichtung einer festen Körperschaft mit der Bezeichnung "Stadtreiterkorps" führte und aus vier Offizieren, einem Wachtmeister, zwei Trompetern und 19 Reitern bestand. Diese waren nun auch uniformiert, wurden zur Unterstützung der Polizeikräfte eingesetzt und aus königlichen Arsenalen mit Karabinern und Säbeln bewaffnet. Sie wurden auch mehrfach zum Beispiel bei Feuer, "wo geordnete Hülfe Noth thut" (›Geschichte der Stadt und Universität Tübingen‹ von Max Eifert 1849, Nachdruck: Scienta Verlag Aalen) eingesetzt. Im Januar 1831 kam es zur so genannten "Tübinger Revolution", einem Aufstand der "Gôgen" gegen die "Landjäger", einer Art Militärgendarmerie für ländliche Gebiete, die wegen ihres Auftretens in der Bevölkerung sehr unbeliebt waren. Um größere Ausschreitungen zu vermeiden wurden bewaffnete Studenten und die Bürgergarde zur Sicherung der Stadttore und öffentlichen Gebäude eingesetzt. Dadurch wurde die Ordnung wieder hergestellt und führte dazu, dass einige Tage später die Landjäger aus der Stadt entlassen wurden und abziehen mussten. Durch Missernten in den Jahren 1846/47 kam es zu einer Hungersnot. Beim "Sturm auf die Schweickhardt'sche Mühle" beim Haagtor im Mai 1847 wurden wiederum Bürgergarde und bewaffnete Studenten eingesetzt, um für Ordnung zu sorgen. Dieser "Sturm" war durch ein Gerücht ausgelöst worden, wonach die Gebrüder Schweickhardt Mehl ins Ausland verkaufen würden.

 

Wehrpflicht

 

Im Revolutionsjahr 1848 wurde eine allgemeine Wehrpflicht eingeführt und Stadtreiter, Feuerwehr, Schützen und das akademische Sicherheitskorps bildeten nun eine Bürgerwehr mit rund eintausend Mann. Diese löste sich aber ab 1849 sehr schnell wieder auf.

 

Neugründung

 

1856 wurde das Stadtreiterkorps mit einem Trompeterkorps neu gegründet, welches unter anderem am 20. Juli 1858 zu Pferd bei der Einweihung des Schlosses Hohenzollern bei Hechingen auftrat. Mehrfach sind auch Paraden und Festumzüge zwischen 1856 und 1914 dokumentiert. Am 20. Oktober 1921 gab die Stadtgarde dem verstorbenen letzten König Wilhelm II von Württemberg das letzte Geleit von Bebenhausen und um Stuttgart herum, welches der abgedankte König nie wieder betreten wollte. Von 1933 bis 1939 wird noch von einigen wenigen Auftritten berichtet, welche mit Beginn des zweiten Weltkrieges ganz aufhörten.

 

Nach dem 2. Weltkrieg

 

Am 10. Oktober 1951 wurde bei einer Versammlung in der "Weinstube Forelle" das Korps offiziell neu gegründet und 1957 als Verein eingetragen. Die Ziele der Stadtgarde waren nun auf "reitsportliche Erziehung und kameradschaftliche Geselligkeit" gerichtet. Am 15. Juni 1952 überreichte Herzog Philipp Albrecht von Württemberg auf dem Tübinger Marktplatz an Rittmeister Adolf Waiblinger der Stadtgarde ein neues Fähnlein, da das alte von 1514 schon sehr in Mitleidenschaft gezogen war. Durch Militärkonzerte mit französischer und amerikanischer Beteiligung, gemeinsamen Reitturnieren und Platzkonzerten mit dem in Tübingen stationierten französischen 12. Kürassierregiment wurde die deutsch-französische Freundschaft vertieft. Den Höhepunkt dieser Beziehung erreichte die Stadtgarde, als sie 1966 in Orléans den Festzug zu Ehren von Jeanne d'Arc anführen durfte. Weitere Auslandsaufenthalte führten die Stadtgarde unter Anderem in die Schweiz, nach Österreich und zuletzt in die russische Partnerstadt Petrosawodsk

 

Die neue Standarte

 

Am 15. Juni 1952, bei einer eindrucksvollen Feierstunde auf dem Marktplatz von Tübingen, übergab der Herzog, in Anwesenheit vieler Garden und Wehren, die neu gestiftete Standarte mit den Worten:

 

Wie Herzog Utz, mein hoher Ahn,
einst vor Jahrhunterten getan,
so übergebe ich erneut
zu Dank und Ehr' das Fähnlein heut
dem Tübinger Stadtreiterkorps!
es leucht' ihm auch in Zukunft vor
in Freud und Leid und bring ihm Segen!
hie gut Württemberg allewegen!

 

Rittmeister Adolf Waiblinger nahm sie entgegen und antwortete:

 

Mit Dank nehm ich das Fähnlein an.
Es zieh auch künftig uns voran.
Als ein Symbol und Unterpfand
der Treu zu Stadt und Heimatland
zu Tübingen am Neckar.

Die neue Standarte

Aktualisiert 31.08.2015

 

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